Untersuchte Untersuchung

Auf dem St. Galler Tagblatt stossen wir unter dem Titel, Ranking zeichnet HSG-Forscher aus,  beim Durchlesen auf folgende Aussage:

St. Gallen. In einem Ranking des «Handelsblattes» für betriebswirtschaftliche Spitzenforschung im deutschsprachigen Raum landet die Universität St. Gallen (HSG) auf Platz zwei. Auf dem ersten Platz steht die Universität Wien. Der dritte Rang geht an die Universität Mannheim, gefolgt von der Uni Zürich. Erstellt hat die Studie das Thurgauer Wirtschaftsinstitut an der Uni Konstanz.

Gerne würden wir erfahren, wie die Untersuchung gehandhabt wurde und was dann da genau untersucht wurde. Natürlich in der Erwartungshaltung, dass hier wohl eine umfassende Untersuchung stattgefunden haben muss um solch eine Aussage zu rechtfertigen.

Wir werden schliesslich beim Handelsblatt selbst fündig, welches in seinem im Tagblatt referenzierten Artikel folgendes zur “Methodologie” der Untersuchung mitzuteilen hat:

Für das Handelsblatt-Ranking hat das Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI) an der Universität Konstanz die Publikationen von 2 100 Betriebswirten in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz erfasst. Methodisch folgt die Studie international gängigen Standards zur Evaluierung wirtschaftswissenschaftlicher Forschung. Es zählen Publikationen in wichtigen internationalen Fachzeitschriften. Wie viel ein Aufsatz wert ist, hängt vom Renommee des Journals ab, in dem er erschienen ist. Auswahl und Bewertung der 761 Zeitschriften orientieren sich an etablierten Journal-Ranglisten.

Wir fassen zusammen. Ein Forscher(team?) organisiert sich eine bereits existierende Liste von 761 Fachpublikationen (forscherische Eigenleistung:0), erstellt eine Liste von 2100 (vermutlich den 761 Publikationen entnommen, forscherische Eigenleistung:0) und zählt die Artikel pro Betriebswirt und Publikation (einfache Zählaufgabe, forscherische Eigenleistung:0), danach wird nach Renomée der Publikation gewichtet (damit ist vermutlich die Auflage gemeint, oder vielleicht das subjektive Element von “ich lese lieber diese Publikation”, das Ranking der Publikationen ist aber offensichtlich ebenfalls den etablierten Journalranglisten entnommen worden).

Oder noch kürzer zusammengefasst, jemand hat Artikel von Betriebwirten in Fachpublikationen gezählt, gewichtet und die Punkte zusammengezählt (Excel). Ende.
Das Handelsblatt, welches diese Untersuchung in Konstanz in Auftrag gegeben hatte, hätte diese auch selbst durch einen Praktikanten durchführen lassen können. Man wollte wohl nicht auf den Anschein der Wisschenschaftlichkeit verzichten.

Wer wie oft in welchen Publikationen vertreten ist sagt noch nichts über die Qualität der Beiträge und der darin enthaltenen Forschung aus. Es sagt aber weit mehr darüber aus, wie die Welt der Fachpublikationen funktioniert, wer wen publiziert, wer wem verbunden ist, wer wen kennt, wem die Fachpublikation gehört, etc.

Im Handelsblatt läuft der Artikel denn auch unter dem Titel: Deutsche BWL-Fakultäten sind unsichtbar. Es wurden nämlich nicht die Qualität der Forscher und Forschung, sondern lediglich die Visibilität der Institute in den Fachpublikationen anhand der dort publizierten Beiträge gemessen.

Dass dieser Bewertungsstandard international anerkannt sein soll ändert nichts daran. Ausser jemand wolle behaupten, die Qualität der wisschenschaftlichen Forschung messe sich einzig und allein an der Menge der in Fachjournalen abgedruckten Artikeln.
Na dann hätten wir wohl einen weiteren Grund für den in den Wirtschaftswissenschaften so fatalen “Group Think” gefunden.

Fazit: Nicht überall wo Wisschenschaft draufsteht, ist auch Wissenschaft drin.

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