Mehr als 70000 H1N1 Infizierte Weltweit

In verschiedenen Medien, z.B. in der NZZ, kann man zusammenfasssend etwa folgendes lesen:

Mehr als 70’000 H1N1 Infizierte und erste Tamiflu Resistenz festgtellt.

Ok. Zeit für einen fact-check.

Anzahl der Infizierten

Beginnen wir bei der WHO. Diese gibt in ihrem neusten Bulletin (55) folgendes an:

Grand Total of cases 70,893, death 311

Na schön, aber bei den 70,893 handelt es sich um die kummlierte Zahl aller durch Laboratorien bestätigten Fälle seit Ausbruch der Grippe H1N1. Davon sind 311 verstorben.
Was ist aber mit den restlichen 70,582 passiert? Nun, es darf vermutet werden, dass diese mittlerweile wieder gesund und munter sind – zumindest ein sehr grosser Teil davon. Es ist also durchaus nicht so, dass zur Zeit über 70,000 Menschen krank im Bett liegen, oder noch schlimmer herumirrten und andere Leute infizierten.

Schauen wir die Zahlen der WHO Bulletins ein bisschen genauer an, welche so aussehen:

WHO H1N1 StatisticsWHO H1N1 Statistics

Wir  stellen fest, dass der relativ hohe Anstieg im letzten Bulletin (55) um über 11,000 neue Fälle, zu 56% auf den von den USA gemeldeten Fälle zurückzuführen sind. Ebenso sind 40 der insgesamt 48 neu gemeldeten Todesfälle von den USA gemeldet worden.
Interessant ist, dass die USA in den vorangehenden zwei Bulletins keine neuen Krankheits- oder Todesfälle gemeldet haben.
Könnte es sein, dass dieser dramatisch scheinende Anstieg der Fälle lediglich darauf zurückzuführen ist, dass die USA in den vorhergehenden zwei Bulletins (53, 54) ihre Fälle nicht gemeldet haben?
Wir werden sehen.
Tamiflu-Resistenz

«Das ist der erste Fall, den wir bei H1N1 haben», sagte David Reddy, Leiter der Pandemie-Taskforce bei dem Basler Konzern am Montag in einer Telefonkonferenz.

Nun, Resistenzen der Viren des Typs A gegen Tamiflu wurden schon 2008 festgestellt. Zitat aus einer news.ch Meldung vom  5.6.2008:

Bern – Tamiflu verliert seine Wirkung gegen Grippe-Viren. Der Bundesrat hat bestätigt, dass in der Schweiz bei jeder achten Probe des Influenza-Erregers vom Typ A eine Tamiflu-Resistenz festgestellt wurde, in Europa sogar bei jeder fünften. (bert/sda)

Auch über die Wirksamkeit von Tamiflu kann man offenbar geteilter Meinung sein, wie wir im Spiegel lesen können:

Bevor Volkswirtschaften durch Millionenausgaben für Tamiflu belastet würden, solle erst einmal die Wirksamkeit des Medikaments gegen die Schweinegrippe in guten Studien an Menschen belegt werden. Dies forderte Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte, im SPIEGEL.

Noch sei die Wirkung gegen das Schweinegrippe-Virus lediglich im Labor belegt. Aber auch bei der gewöhnlichen Grippe werde die Bedeutung des Wirkstoffs häufig weit überschätzt. Im Durchschnitt verkürze das Medikament die Krankheitsdauer nur um einen Tag. Im Zuge der Schweinegrippe-Epidemie fürchtet Mühlbauer nun, dass das Grippemittel viel zu großzügig eingesetzt wird.

Es gibt sogar eine Studie die die Wirksamkeit von Tamiflu bezweifelt. So heisst es laut FAZ in dieser Studie:

Bei den Studien zur Vogelgrippe fanden die Mediziner nach eigenem Bekunden keinen Beweis, daß Tamiflu bei H5N1-Infizierten in Asien die Todesrate senkte. Sie räumen allerdings ein, daß dies auch Folge einer zu späten Diagnose der Krankheit sein könne. Daneben gab es bei Fällen in Japan und Vietnam eine relativ hohe Zahl von Resistenzen gegen Tamiflu (16 Prozent).„Wir konnten keinen glaubwürdigen Beweis für die Wirksamkeit von Neuraminidase-Hemmern bei Vogelgrippe finden“, heißt es als Schlußfolgerung in dem Papier. Es sei deshalb bedenklich, wenn eine Abwehrstrategie zur Eindämmung der Krankheit weitgehend darauf setze. Andere Maßnahmen seien mindestens ebenso wichtig.

Na, wenn da mal die Medien auf der Suche nach reisserischen Schlagzeilen nicht das Marketing für die Pharmaindustrie übernehmen und sich  an einem Hype beteiligen, der am Ende nur viel kostet, und zwar Geld und Glaubwürdigkeit, aber nicht viel bringt.
Ich habe nichts dagegen, wenn man bei dieser H1N1 Grippe vorsicht walten lässt. Aber andauernd auf Panik zu machen und jedesmal „Pandemie“ zu plärren, nur weil sich jemand schneuzt, hilft wirklich niemandem ausser Roche und Gilead.

Warum nur, warum, haben wir keine besseren Journalisten?

Advertisements