Marx und die Nation

Karl Marx

Karl Marx

Karl Marx, und mit ihm den Kommunisten, wird oft vorgeworfen oder nachgesagt, er wolle die ‘Nation’ (und den ‘Staat’, aber mehr dazu in einem separaten Artikel) abschaffen.

Beginnen wir mit dem kommunistischen Manifest um einige Begriffe zu klären, die Marx verwendet hat. Nehmen wir diese Passage aus dem Manifest der Kommunistischen Partei:

Den Kommunisten ist ferner vorgeworfen worden, sie wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen. Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben. Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse [53] erheben, sich selbst als Nation konstituieren muß, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.

Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse.

Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen. Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung.

In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation [54] fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.

Marx setzt Vaterland und Nation(alität) gleich und meint beides gebe es für den Arbeiter schon lange nicht mehr, weil die Bourgeoisie diese selbst schon abgeschafft habe, indem sie die nationalen Industrien mehr und mehr zerstörte, das Konzept der Nationalität schon beinahe ausgelöscht. Nach Marx gibt es das Konzept der Nation aber noch als Ausdruck der Herrschaft einer Nation über die andere. Dies werde aber auch verschwinden sobald die Arbeiter die Macht übernommen haben werden.

Was ist nun das Vaterland oder die Nation? Aus Wikipedia erfahren wir:

Vaterland ist die Bezeichnung für das Land aus dem man selbst, bzw. seine Vorfahren stammen und in dem sich ein Mensch verwurzelt fühlt.

Das klingt harmlos genug um Menschen anderer Nationalität nicht als Bedrohung zu empfinden. Italiener haben andere sprachliche und kulturelle Wurzeln, als Chinesen, aber das stört eigentlich niemanden.

Nun verstehen aber einige unter Nation etwas anderes und meinen eigentlich den Nationalstaat, wenn sie Nation sagen.
Im Nationalstaat fallen der Begriff der Nation mit dem Begriff des Staates zusammen – die Begriffe sind sonst separat und nicht deckungsgleich in der Bedeutung. Zum Nationalstaat meint  Wikipedia (Hervorhebungen sind von mir):

Der Nationalstaat setzt einen Staat und eine Nation voraus. Beide sind aus historischen Entwicklungen entstanden und keine „natürliche“ Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens. Entstehende Nationalstaaten sollen – so die Anhänger der Nationalstaatsidee – die wesentlichen Teile des staatstragenden und meist auch namensgebenden Volkes in sich vereinen. Dabei soll der staatstragende Teil der Bevölkerung sich einer gemeinsamen Kultur oder Tradition verbunden fühlen. Idealtypisch gehören einem Nationalstaat alle Angehörigen seines Volkes und auch nur Angehörige dieses Volkes oder Kulturkreises an.

Dies führt zu einem anderen Verständnis des Begriffs Nationalität. Hier soll die Bevölkerung (also Volk) möglichst homogen sein in der Herkunft ihrer Vorfahren, ihrer Bräuche und Kultur und ihrer Sprache.
Das ist natürlich eine Fiktion und hat so etwas nie gegeben. Der Begriff des Nationalstaates eignet sich aber vorzüglich zur Gleichschaltung der Bevölkerung und zum Übertünchen des eigentlichen Gegensatzes, und der basier nicht auf Zugehörigkeit zu einer Nation, sondern wird durch Zugehörigkeit zu einer Klasse definiert.

Da in fast allen Nationen die Arbeiter die Mehrheit stellen – und zwar ziemlich deutlich – ist es – zumindest in Demokratien – der Bourgeousie nur durch Täuschung und Ablenkung möglich an der Macht zu bleiben. Eine dieser Ablenkungen vom eigentlichen Problem ist die Arbeiter aufgrund ihrer Nation gegeneinander auszuspielen.

Es ist dieses Verständnis des Begriffs Nation, gegen die sich Marx aussprach. Weil es in jedem bürgerlichen Staat (d.h. dem Nationalstaat) nur zwei Klassen gibt, die Bourgeoisie (einschliesslich die Kapitalisten) und die Arbeiter. Die Arbeiter machen in ihrem Nationalstaat andere Erfahrungen, als die Kapitalisten und haben zwar unter sich gemeinsames, aber nichts gemeinsames mit den Kapitalisten. Das ist aber in allen Nationalstaaten so. Deutsche Arbeiter machen die gleichen Erfahrungen wie die französischen und haben dadurch miteinander mehr Gemeinsamkeiten, als mit den Kapitalisten ihrer jeweiligen Länder. Ein nationaler Gegensatz zwischen Arbeitern besteht demnach nicht.

Ein Arbeiter hat seine Vorfahren und Wurzeln nicht im bürgerlichen Staat (dem Nationalstaat) sondern in der (globalen) Arbeiterklasse. Er hat also keine bürgerliche Nationalität. Dafür haben aber die Kapitalisten bereits selbst gesorgt, es gibt also für die Kommunisten in dieser Hinsicht nichts mehr zu tun.

Aus Marx müsste man also schliessen, dass es besser sei, eine Nation die von Arbeitern regiert wird zu haben, als einer supranationalen Institution beizutreten, die den Zielen der bürgerlich-kapitalistischen Klasse dient.

Deshalb ist es für Sozialisten/Kommunisten meiner Meinung nach auch nicht zwingend, einen EU-Beitritt oder EU-Mitgliedschcaft zu unterstützen, ist diese doch ein Geschöpf der Kapitalisten und dient nur deren Zwecken.

Ein Nein zur EU ist kein Nein zur Freundschaft der Nationen, respektive der sie ausmachenden Menschen, oder zur internationalen Solidarität der Arbeiter. Diese werden nach wie vor bejaht und gefördert. Das braucht aber keine supranationale Organisation.

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